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Adam

 
Eine Erzählung von
Reinhold Hoffmann
Odenwaldstrasse 17
64757 Rothenberg
 
 
 
 
 
Stellen wir uns vor – nur für einen Moment, wir hätten – ohne Rücksicht auf Forschungsergebnisse und wissenschaftliche Erkenntnisse jedweder Art - die Möglichkeit den Menschen zu sprechen und zu befragen, der im Paradies war, und es verloren hat.
 
 
Einen ausgiebigen Fußmarsch entfernt von seinem Haus finden wir ihn. Gerade richtet er sich auf. An der langsamen gequält wirkenden Bewegung wird deutlich: er hat schon sehr lange mit seinem einfachen Werkzeug den trockenen und darum harten Boden bearbeitet. Langsam und noch ganz steif von der unnatürlichen gebückten Haltung greift er nach einem neuen Werkzeug. Es erinnert in Etwa an einen schweren Hammer. Mit ihm wendet er sich einem schiefen Pfosten am Gatter zu, hinter dem ihn eine Herde Ziegen meckernd begrüßt.
 
Wir sprechen ihn an. Er wendet sich zu uns um und wir sehen in zwei dunkle braune Augen, deren freundlich forschender Blick tief in uns einzudringen scheint, so, als suche er den Punkt wo unsere Seelen sich berühren können und wo sein Wissen sich mit dem unseren vereinen kann.

Seine Haut trägt Spuren. Sind es Verletzungen oder hat der Schweiß Furchen in den Staub gegraben, den seine Hand auf seinem Gesicht zurückgelassen hat bei dem Versuch, die Augen vor dem brennenden Schweiß und der Sonne zu schützen?
 
Als sich sein Mund öffnet, hören wir ihn reden.
Unsicher erst. Die Einsamkeit seines Tagewerkes hier draußen ließ ihn schon seit einigen Stunden an keinen Menschen mehr das Wort richten.
Nach und nach wird seine Stimme klarer, die Zunge freier, die Sätze flüssiger.
 
 
„Danke!
 Ja, Friede sei auch mit Euch!
Wie es mir ergangen ist?
Habt Dank! Dank für Euer Interesse. Mir geht es gut.
Ja, Danke, meiner Frau auch.
Naja, sie hat halt daheim zu tun.
Wir kommen zurecht. Das Essen reicht. Während der Wanderungen halten unsere Zelte dem Sand und dem Sturm stand.
In der Zeit des Regens gibt unser Haus uns trockenen und warmen Schutz.
Ja, es stimmt: Das Leben ist mühsam.“
 
Er lächelt
 
„Doch, manchmal denken wir zurück.
Es war schon sehr viel einfacher,- damals.
Sorgenfreier halt. Keine Angst vor dem Morgen oder vor der Nacht.
Ja, es hat gedauert, bis wir uns zurechtgefunden haben. All diese neuen und fremden Aufgaben auf einmal. Wir mussten uns Alles hart erarbeiten und erkämpfen.
Bis heute ist das eigentlich so.
Und immer wieder erfahren wir Neues.
Und wir haben entdeckt: Es ist etwas Besonderes, sich abends müde und erschöpft auf die Matte zu legen und in einen tiefen Schlaf zu fallen.
 
Meine Frau hatte damit anfangs noch mehr Schwierigkeiten als ich:
Mehr als einmal habe ich sie leise vor sich hinreden gehört. In halben Sätzen:
"was wäre, wenn …; … hätte ich doch bloß nicht … "
Ich habe gespürt, dass sie sich verantwortlich gefühlt hat dafür, dass wir hier sind. Aber ich habe ja auch diese Frucht probieren wollen. Vielleicht hätte ich sie bremsen sollen. Sie war es doch nicht allein…
Wie auch immer. Mehr als einmal habe ich gehört, dass sie sich abends in den Schlaf geweint hat.
Darüber gesprochen haben wir nie.
 
Ja, unsere Zeit war auf einmal furchtbar mühsam und anstrengend. Aber irgendwie war unser Alltag dann auch
… er sucht nach dem Wort…
befriedigend. Da war so ein ganz neues Gefühl: Stolz! Stolz, auf das, was wir leisten.
 
Ach, und dann war dann noch ein neues Gefühl. Ich weiß es noch, als wäre es erst gestern gewesen. Eines Abends, als wir uns gerade hingelegt hatten, rückte Eva ganz nah an mich heran, und flüsterte mir ins Ohr:
> Adam, du musst für den Winter diesmal etwas mehr Holz machen…. Und ich brauche noch zwei oder drei Schaffelle mehr ….<
Ich habe es gar nicht gleich verstanden, was sei mir sagen wollte. Aber als Kain dann geboren war…, da war wieder alles wie neu.
 
Freude! Ja, Freude war dieses neue Gefühl, gemischt mit Aufregung und Spannung, mit echter Neugier auf dieses neue Leben….
Stolz, Freude, Dankbarkeit war da – aber auch die neue Last von Verantwortung.
Und dann kam Abel.
Die beiden Jungs – beide unser Fleisch und Blut und doch so ganz unterschiedlich.
 
Nein.
Es lief nicht alles so wie wir uns das gewünscht haben.
Die Enttäuschung bin ich bis heute nicht los geworden.


Einen Moment hält er inne.
 Seine Augen verraten das Herz, das über die Jahre wund gewordene ist. Wir können seinen Schmerz fühlen, als er nun in die Ferne, weit hinter eine Hügelreihe deutet.
 
Dahinten, dahinten ist das Grab von Abel.
Eva ist oft dort und weint.
Mir fällt es schwer … Ich gehe lieber gar nicht hin … Es tut so weh … Ich glaube, dieser Schmerz hört niemals auf…
 
Kain?   … Weg!   … Ich denke oft an ihn … bin wütend auf ihn … enttäuscht
… und ich habe ständig Angst um ihn ... ich weiß nicht, was er tut …
Aber ich weiß – trotz aller Enttäuschung, trotz allem Zorn, … da ist dieses entsetzlich schmerzende Gefühl: Ja, ich liebe ihn noch immer.
 
Er schweigt.
Überwältigt und selbst wieder erschrocken über die unendliche Trauer, die da in ihm arbeitet.
Ob er wohl manchmal vor seinem Leiden, vor sich selber und vor seiner Geschichte weglaufen will?
 
Wie bitte? Ob mein Leben gescheitert ist?
Ob ich zurück will? Zurück in den Garten Eden?
 
Wieder schweigt er. Er schaut uns lange an. Mit diesem Blick, der so freundlich forschend tief in uns dringt.
Er sucht die Stelle und er findet die Stelle, an der unsere Seelen sich berühren und an der sein Wissen sich mit dem unseren vereint.
 
Weißt du, Ich weiß nicht, was noch kommen wird.
Sicher, es gab viel Schlimmes bisher...
es gab aber auch unendlich schöne Augenblicke.
Und über Scheitern werden Andere urteilen.
 
Und als er nun wieder mit fester Stimme schließt, lächelt er diese wissende Lächeln, welches weisen Menschen zu Eigen ist:
 
Zurück?
Nein.
Zurück will ich nicht.
Nicht zurück in den Garten Eden...
Mit Gottes Hilfe: hier lebe ich!


Evangelisches Pfarramt Rothenberg  |  kgm@rothenberg-evangelisch.de