Das Ding mit der Eselin
Eine Erzählung von
Reinhold Hoffmann
Odenwaldstrasse 17
64757 Rothenberg
Also das sage ich Euch:
Noch einmal passiert mir das nicht!
So eine Frechheit!
Das passiert mir ja selten – aber ich war wirklich sprachlos!
Ich hab grad meine Eselin angebunden, zusammen mit ihrem Jungen. Simeon hatte mich gebeten, für ihn ein paar Körbe mit Töpferwaren nach Jerusalem zu bringen. Die will ich grad holen.
Also: Ich bin nur ein paar Schritte gegangen, da sehe ich aus dem Augenwinkel, dass sich zwei Männer an meiner Eselin zu schaffen machen.
Hey, rufe ich, das sind meine!
Was tut ihr da?
Die Zeiten sind hart heute!
Selbst Menschen, die sonst das beste Ansehen genießen, nehmen es manchmal nicht gar so genau mit Wahrheit und Ehrlichkeit. Man muss aufpassen.
Geld hat sowieso keiner.
Und wenn man da zwei gesunde Esel stehen lässt, dann kann das schon passieren, dass da einer Interesse hat!
Also:
Hey! rufe ich
Hey, das sind meine!
Dass sich die Soldaten einfach nehmen was sie haben wollen, das ist man ja schon beinahe gewöhnt. Die haben den Kaiser im Rücken oder den König und glauben, sie könnten sich alles erlauben. Tun so, als gehöre ihnen die ganze Welt.
Bei Soldaten ist man besser still.
Aber das sind keine Soldaten, keine römischen und keine von uns.
Dass schon ganz normale Leute sich gegenseitig bestehlen…
Wo soll das noch hinführen?
Hey, rufe ich, und renne los,
Hey, das sind meine.
Meine Faust ist schon geballt, und ich will gerade ausholen, um dem Einen so richtig eine zu verpassen, da schau ich ihm in die Augen, und er mir.
Also, ich bin ja Händler. Ich bin oft auf dem Markt, und ich habe es ständig mit Lügnern, Betrügern und Dieben zu tun. Wenn ich einem in die Augen schau, dann sehe ich gleich, ob einer lügt oder die Wahrheit sagt.
Aber der: Der nimmt sich meine Eselin – meine Eselin, schaut mich dabei an als ob er das Selbstverständlichste und Richtigste auf der Welt tun würde und sagt nur:
„Ich weiß. Aber der Herr braucht sie“
Ich denk grad noch:
Na und? … Wenn ich etwas brauch, kann ich es mir auch nicht einfach nehmen … Abgesehen davon: kenne ich Euren Herrn? … Muss ich ihn kennen? … Sagt mir doch sein Namen! … Wozu braucht er sie überhaupt? …
Ich hab tausend Fragen in meinem Kopf.
Tausend Vorhaltungen und tausend Anklagen…
… Aber die Beiden lächeln nur und gehen einfach weiter.
Soviel Frechheit ist mir noch nicht untergekommen.
Ich hinterher. – Allerdings mit Abstand. Man weiß ja nie – so sicher wie die sich ihrer Sache waren, vielleicht sind da ja noch mehr.
Tatsächlich: Hinter den Bäumen dort steht eine Gruppe von elf Männern. Einer in der Mitte, zehn drum herum. Heftig diskutieren sie miteinander.
Ein paar Brocken schnappe ich auf: Von „Reich Gottes“ ist die Rede, von „Frieden“. Einer sagt, alles müsse neu werden! Von einem „neuen König“ spricht ein Anderer.
Als die beiden mit meinen Tieren kommen, wird die Gruppe auf einmal ganz ruhig. Hört auf zu reden. Voller Ehrfurcht treten die Zehn zur Seite und lassen den in der Mitte zu meiner Eselin gehen.
Aber bevor er aufsteigen kann, hat auf einmal einer seinen Umhang abgelegt und ihn auf den Rücken des Tiers gelegt. Die anderen machen es ihm gleich nach. Einer nach dem Anderen ziehen sie ihren Umhang aus und legen ihn auf den Eselsrücken oder auf das Jungtier.
Und dann steigt der Eine auf.
Wie ein König.
Was ich bis dahin gar nicht gesehen hatte, hinter der Gruppe stehen noch mehr Menschen. Sie alle folgen nun dem merkwürdigen Zug runter nach Jerusalem.
Ich weiß nicht, wo auf einmal all die Menschen herkommen. Aber der Straßerand ist plötzlich voll von Menschen. Und die begrüßen und bejubeln diesen Eselsreiter wie einen König.
„Hosianna!“ - rufen sie!
„Hosianna, dem Sohn Davids!“
Einen frage ich dann, wer das da überhaupt sei.
"Das ist doch Jesus, der Prophet aus Nazareth!" bekomme ich zur Antwort.
Und wie er das sagt! Es klingt, als hätte ich die wichtigste Neuigkeit der letzten tausend Jahre verpasst.
Ehrlich, ich hab keine Ahnung wer das ist. Jesus, ein Prophet? Aus Nazareth? Einem Bergdorf von Wegelagerern? Da kommt doch nur Gesindel her…
Aber beeindruckt bin ich.
Was für ein Zug!
Und was für ein Auftritt!
Und ein bisschen stolz war ich auch!
Meine Eselin!
Meine Eselin trägt den, dem sie alle zujubeln.
Ob das jemand sieht oder erkennt, dass das meine Eselin ist?
Gut sieht sie aus!
Ich habe sie auch immer gut gepflegt.
Gutes Futter kriegt sie.
Doch, es ist schon genau das richtige Tier für so einen Auftritt.
… Obwohl,
… warum nimmt der nicht ein Pferd, das wäre doch viel prächtiger und glanzvoller!
Mit einem Pferd reitet man in eine Schlacht!
Nicht mit einem Esel!
Allerdings, wie Kämpfer sehen die alle nicht aus. Und der Prophet selber schon gar nicht.
Das wäre mal eine besondere Idee:
Ein König der nicht Krieg sondern Frieden macht...
Ein König der nicht Geld aus uns herauspresst, sondern uns in Sicherheit leben lässt...
Ein König der sich nicht für was Besseres hält sondern weiß, was für Sorgen wir in unseren Häusern und Dörfern haben...
Da fällt mir etwas ein:
Mein Vater hat mir Texte von Propheten aufgesagt.
Ein paar hab ich auch gelernt. Besonders diesen hab ich gemocht:
Es kommt eine Zeit, da wird der Berg, auf dem der Tempel des HERRN steht, unerschütterlich fest stehen und alle anderen Berge überragen. Die Völker strömen zu ihm hin.
Überall werden die Leute sagen: »Kommt, wir gehen auf den Berg des HERRN, zu dem Haus, in dem der Gott Jakobs wohnt! Er soll uns lehren, was recht ist; was er sagt, wollen wir tun!«
Denn vom Zionsberg in Jerusalem wird der HERR sein Wort ausgehen lassen.
Er weist mächtige Völker zurecht und schlichtet ihren Streit, bis hin in die fernsten Länder. Dann schmieden sie aus ihren Schwertern Pflugscharen und aus ihren Speerspitzen Winzermesser. Kein Volk wird mehr das andere angreifen und niemand lernt mehr das Kriegshandwerk.
Jeder wird in Frieden bei seinen Feigenbäumen und Weinstöcken wohnen, niemand braucht sich mehr zu fürchten. Der HERR, der Herrscher der Welt, hat es gesagt
Ihr mögt mich ja für irre oder sentimental halten. Aber in diesem Augenblick habe ich gedacht:
Jetzt!
Jetzt wird das wahr!
Gott hat uns nicht vergessen!
Wer weiß, wo ich da wieder rein geraten bin. Nachher bin ich schuld, wegen des ganzen Aufruhrs. Hätte er meinen Esel nicht gehabt, dann hätte er nicht diesen Triumphzug machen können.
Aber ich glaub, mit diesen Anschuldigungen könnte ich gut leben.
Denn dieser Mann da auf meiner Eselin, der hat mir gefallen!
Für einen Augenblick hatte ich Hoffnung für unsere Welt.
Und tief in mir, da ist diese Hoffnung immer noch.
Ich bin sicher, es lohnt sich, sich an diesen Mann zu halten.
Er ist so anders.
So ganz anders.
Ich hätte ihn gerne früher kennen gelernt.
Ich bin sicher, unter seinem Einfluss hätte ich Vieles anders gemacht.
Naja, besser spät als nie...
Ach so, eines noch zum Schluss:
Als alles vorbei ist und ich in Jerusalem steh und so meinen Gedanken nach häng, ob ich bis dahin alles richtig gemacht hab und so, oder ob ich was ändern will, … da klopft mir auf einmal einer auf die Schulter.
Als ich mich umdreh, schau ich in die Augen von dem einen, der sich da meine Eselin geholt hatte. Und mit der gleichen Selbstverständlichkeit wie er vorhin das Tier am Strick weggeführt hat, reicht er mir jetzt den Strick von ihr und sagt:
„Ich danke Dir!
Du siehst ja:
Der Herr hat sie gebraucht!“