Josef
– Träger eines großen Namens
Eine Erzählung von
Reinhold Hoffmann
Odenwaldstraße 17
64757 Rothenberg
Advent – Zeit der Erwartung und Zeit der Vorbereitung. Da war einer, der sich in besonderer Weise auf die Geburt Jesu vorbereiten musste.
Er wird gerne übersehen. Aber was wäre geworden, wenn er auf die Regeln vermeintlichen Anstands gesetzt hätte, und nicht „Ja“ gesagt hätte…
Aber glaube keiner, die Entscheidung sei ihm leicht gefallen…
Darf ich mich vorstellen?
Josef!
Josef, aus dem Hause Davids!
Ja, ich bin stolz auf meinen Namen!
Ich bin Träger eines großen Namens.
Wenn ich sage, aus wessen Familie ich stamme, dann kann ich es bei meinem Gegenüber sehen, wie - wenigstens für einen kurzen Augenblick - ein Schatten von Respekt und Hochachtung über sein Gesicht huscht.
Josef, aus dem Hause Davids.
Das klingt gut.
Das klingt nach Geschichte.
Das klingt nach Bedeutung.
Selbst hier in Nazareth – weit weg von meiner eigentlichen Heimat, weit weg von Bethlehem.
Wir Männer aus dem Hause Davids, wir sind selbstbewusst und selbstständig. Dazu hat mich auch mein Vater erzogen:
„Du bist selbst verantwortlich für Dich!
Solange Du Kind bist“ – hat er zu mir gesagt – „solange sorge ich für Dich. Ich zeige Dir was Du zum Leben brauchst. … aber wenn Du ein Mann bist: Dann vertraue auf Gott und geh Deinen Weg!“
Als ich auf der Suche nach Arbeit hierher nach Nazareth gezogen bin, hat er mir nie Vorwürfe gemacht, ich würde ihn im Stich lassen.
„Geh Du Deinen Weg!“, hat er nur gesagt, und mir alles Gute gewünscht.
Josef, aus dem Hause Davids.
Das klingt gut.
… Und fühlt sich gut an.
Selbst heute noch, fast dreißig Generationen später, bringt Davids Name Menschen dazu, ehrfürchtig zu schauen.
Unter den heutigen Verhältnissen ist das kein Wunder.
Ihr braucht Euch doch nur einmal umzusehen:
Was ist denn von Davids Israel noch übrig geblieben?
Unser König:
ein Speichellecker des Kaisers von Rom. Wie das normale Volk auf der Straße leidet, das interessiert ihn nicht.
Die Hauptsache:
er selber hat seine Ruhe und seinen gewohnten Luxus.
Gerechtigkeit:
gibt es nicht. Recht hat, wer das meiste bezahlen kann.
Apropos Geld:
Wer noch ein paar Silberstücke sein eigen nennen darf, muss sorgsam acht geben. Am besten verstecken. Sonst greift ihm der römische Kaiser mit seinem langen Arm in die Tasche.
Mehr als einmal habe ich es gehört, dass man getuschelt und geflüstert hat:
„So einen wie David müssten wir wieder haben…
… mit David wäre uns das nicht passiert!“
Das berührt mich immer ganz seltsam. Ich spüre die Hoffnung, die mit dem Namen meiner Familie verbunden ist. Ich spüre die Erwartung, die bei meinem Namen wächst.
Josef, aus dem Hause Davids.
Ich würde ja gerne etwas tun.
Aber wer bin ich denn schon?
Ein kleines Licht. Ein einfacher Handwerker.
Sicher: man sagt mir nach, dass ich etwas von meinem Handwerk verstehe.
Die Menschen können sich darauf verlassen, dass ich sie bei den Kosten nicht betrüge.
Soweit es an mir liegt, will ich tun, was ich kann, dass es Gerechtigkeit gibt.
Ich habe mich immer bemüht, meinen großen Namen rein zu halten. Ich weiß woher ich stamme: Aus dem Hause Davids!
Und jetzt das: Diese Schande.
Nachts kann ich nicht mehr schlafen…
Es treibt mich um, hält mich wach: Was soll ich tun?
Könnt Ihr Euch vorstellen, was für ein Kampf da in mir tobt?
Wie kann sie mir das nur antun?
Ich höre schon das Gespött der Leute:
„Josef, aus dem Hause Davids,
Er musste ja unbedingt so ein junges Ding haben!
Er hat wohl gedacht, dass die kleine Maria ihm seine Jugend zurückbringt!
Das hat er nun davon! Hörner hat sie ihm aufgesetzt.
Dem Josef aus dem Hause Davids“
Ich weiß nicht, was ich denken soll.
Denn trotz allem: ich liebe Maria. Wir sind uns so nahe, so vertraut.
Sie kann mich nicht betrogen haben.
Aber: noch wohnt sie nicht bei mir.
Erst in den nächsten Wochen wollte sie bei mir einziehen.
Und jetzt schon schwanger?
Mir dröhnt das Geschwätz der Leute schon jetzt in meinem Kopf.
Und der große Name – „aus dem Hause Davids“ – der wird lächerlich gemacht…
Was für eine Schande…
Das Schlimmste ist:
Ich bin so hin und her gerissen.
Soll ich geh'n, sie verlassen? Soll ich zu ihr stehen?
Maria…
... sie schaut mich an, mit ihren treuen Augen.
Ruhig und gelassen.
Mit einem Vertrauen, wie es nicht größer sein könnte, schaut sie mich an.
Schaut mich an und sagt mir, es wäre alles in Ordnung!
Sagt mir, ihr Kind – unser Kind? – mein Kind? - wäre wirklich Träger eines großen Namens: Sohn „des Höchsten“; Sohn Gottes würde man ihn eines Tages nennen…
Wenn das stimmt,
dagegen wäre mein „großer“ Name wirklich Nichts!
Aber kann das sein?
Ich weiß nicht was ich denken soll…
Manchmal habe ich das Gefühl, ich werde verrückt.
Stellt Euch vor:
heute Nacht habe ich geträumt, der Höchste habe mir einen Boten gesandt, der mir Marias Geschichte bestätigt hat.
Will ich das glauben?
Kann ich das glauben?
Muss ich das glauben?
Mein Vater war ein kluger Mann.
Er hat mir immer gesagt, ich müsse eines Tages meinen eigenen Weg gehen.
Meinem Sohn wollte ich das auch eines Tages sagen.
Ob ich schon jetzt damit anfangen muss?
Als Vater muss ich ihm sein Rüstzeug geben. Den Ort an dem er heranwachsen und lernen kann.
Dann muss er seinen Weg gehen.
Ob er das schon jetzt tut?
Wir Männer aus dem Hause Davids,
wir sind nie vor unseren Aufgaben davon gelaufen.
Wer weiß, vielleicht ist es ja meine Aufgabe, diesem Kind für seine Jugend Heimat und Geborgenheit zu geben, ...
... wo auch immer er herkommt,...
... wie auch immer einmal sein Weg aussehen wird…
Was hat mein Vater gesagt: „Vertraue auf Gott und geh deinen Weg“.
Ja: … Ich werde meine Aufgabe annehmen.
… Sei mir von Herzen willkommen, seltsames Kind.