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Warten
Eine Erzählung von
 Reinhold Hoffmann
Odenwaldstraße 17
64757 Rothenberg
 
 
Johannes der Täufer:
-           Wegbereiter des Messias
-           Ein Rufer in der Wüste
-           Ein Wartender,
-           ein Erwartender
Viel wissen wir nicht von ihm.
Dennoch war sein Leben entscheidend mit dem Leben Jesu verbunden – nicht nur, weil sie verwandt waren…
 
 
 
Man sagt, wenn man das Ende des Lebens kommen spüre, dann zöge das Gewesene noch einmal an einem vorüber.
Ganz so stimmt es für mich nicht.
Was war, was vergangen ist und vergessen geglaubt, das zieht nicht an mir vorüber. Ich bin kein Zuschauer.
Ich wühle mich durch Fetzen der Erinnerung, quäle mich auf der Suche nach dem, das meiner gehetzten Seele endlich Ruhe schenken könnte.
 
Das Wissen, dass mein Sterben beschlossene Sache ist, schleicht sich langsam in meinen Körper hinein, verbeißt sich in meinem Leib und ergreift von meiner Seele Besitz, wie die feuchte Kälte die jede Nacht mit dem Geruch des Todes in dieses Gemäuer kriecht und alles Leben lähmt.
 
Je mehr die Ahnung um meinem gewaltsamen Tod zur Gewissheit wird, umso mehr steigt meine Angst, dass alles umsonst gewesen sein könnte.
Ich krame in dem Durcheinander meiner Erinnerungen.
Ich suche nach Hinweisen.
Irgendetwas muss es geben, das mich beruhigen kann.
Irgendetwas muss da sein, das mir Recht gibt.
 
 
 
Wie im Fieberwahn sehe ich mich wieder unten am Fluss, am Jordan…
Was für ein erhebendes Gefühl,...
die Menschen hängen mir an der Lippe ...
jedes Wort von mir wird mit Begeisterung aufgesogen...
... ich genieße es,
 ... genieße diese Zustimmung.
 
Oh ja, das Volk hat es geliebt, wenn ich allen so richtig die Leviten gelesen habe, ihnen den Spiegel vorgehalten habe und sie beschimpft habe.
Manche meiner Schimpfwörter sind tatsächlich legendär geworden:
Schlangenbrut, Otterngezücht…
Doch: wenn ich diese Zustimmung gespürt habe, wenn sie immer und immer wieder kamen, um mich reden zu hören, dann hat mir das gut getan.
… aber hatte ich auch recht?

Eigentlich kann es nicht anders sein:
Zu den Soldaten, die sich ihren Sold aufbessern, indem sie sich bei den Schwächsten bedienen und plündern, …
Zu den Mächtigen und Einflussreichen, die sich mit ihrem Geld das Recht gekauft haben, …
... dazu darf man doch nicht schweigen!

 
Unrecht muss beim Namen genannt werden und gehört an den Pranger!
Mein Erfolg gab mir Recht!
Es geht ja auch nicht nur um die Reichen und Mächtigen. Viele ganz normale Leuten haben sich von mir taufen lassen. Ein öffentliches Zeichen:, sie wollen es anders machen.
Ich hatte doch recht!
Oder?
 
 
Immer wieder sehe ich die Gesichter meiner Eltern vor mir.
Ich sehe meine Mutter – sehe ihre Angst um ihren Sohn. Schon wieder macht er sich unbeliebt, wieder bei den verkehrten Leuten.
Ich sehe meinen Vater – sehe seinen Schmerz und seine Trauer. Sein Sohn macht nicht die Karriere, die ihm möglich gewesen wäre.
Tempeldiener hätte ich werden können – wie er. Beauftragt mit einem angesehenem Amt. Bis ins Allerheiligste des Tempels, ja bis zu Gott selbst hätte ich kommen können, wenn ich dem offenen Weg gefolgt wäre.
Ich werde das Bild einfach nicht los, wie das war, als ich damals aufbrach: Seine Augen gingen ins Leere, es war als schaue er in eine andere Welt. Immer wieder murmelte er diese Worte vor sich hin:
„er wird vor ihm hergehen im Geist und in der Kraft Elias“
„er wird vor ihm hergehen im Geist und in der Kraft Elias“
„er wird vor ihm hergehen im Geist und in der Kraft Elias“
Wusste er etwas von mir, das ich nicht wusste?
„er wird vor ihm hergehen im Geist und in der Kraft Elias“
 
 
 
Ich kenne die Weissagungen über den Messias, den Retter der Welt.
Ihm will ich den Weg bereiten. Dazu müssen die Menschen sich ändern.
Der Messias muss sehen: wir sind es wert, dass er sich unser annimmt.
Also muss ich den Menschen ins Gewissen reden.
Deutlich muss ich sein, damit der Weg vorbereitet ist für den, der alles anders macht. Wenn er kommt, dann bleibt nichts so wie es war. Mit seiner Macht wird er alles zerstören, was diese Welt so schlecht sein lässt.
Es wird einen schrecklichen Kampf geben. Aber es wird sich lohnen, Denn danach werden wir unsere Welt nicht wiedererkennen! Frieden und Gerechtigkeit werden endlich da sein.


Der Weg für den Messias muss frei sein!
Darum: … vor niemandem darf ich zurückschrecken!
Bin ich auch nicht!
Deswegen bin ich ja der Gefangene des Herodes…
Ja! Selbst dem König Herodes habe ich den Spiegel vorgehalten. Ich habe ihn wegen seiner Untreue und seiner Lüsternheit angeklagt. Er hätte Herodias nicht zu sich nehmen dürfen!
Er selbst wäre noch zur Umkehr bereit gewesen. Er hat gesehen welchen Einfluss ich hatte. Ich glaube, er hatte sogar ein bisschen Angst vor mir…
Aber das Weib! Herodias! Bei dieser Frau war nur ... der blanke Hass…
 
Stellt euch vor:
Vor zwei Tagen war sie bei mir im Gefängnis. Sie hat kein Wort gesprochen. Mich nur mit ihrem Hass angeschaut. Stechende bösartige Augen. Allein ihr Blick hat weh getan.
Es kam mir wie eine Ewigkeit vor, wie sie da stand. Eine Ewigkeit, in der sie mir all ihren Hass auf meine Seele brannte.
Als sie aufstand und ging sagte sie – mehr zu sich selbst als zu mir:
„sein Kopf ... auf einem ... Silbertablett …“
 
 
Ich weiß es: meine Zeit ist zu Ende.
Und ich habe Angst.
Nicht vor den Schmerzen wenn sie mich köpfen…
Das wird nicht lange dauern..
... Ich habe Angst, versagt zu haben
Ich habe Angst, dass ich dem Messias den Weg doch nicht vorbereitet habe und dass er nun doch nicht kommt. Hätte ich lauter und deutlicher sein müssen?
 
Ich krame und suche in meinen Erinnerungen.
Einmal – einen Tag – da war ich ganz sicher. Als ich den Sohn der Cousine meiner Mutter getauft habe. Jesus den Nazarener…
Ich war mir so sicher, er muss es sein. Aber dann, anstatt dass er mich in seinen Dienst stellt, anstatt dass das Zepter in die Hand nimmt und endlich die große Veränderung bringt anstatt, dass er sich als der Messias der mächtige Gottessohn erweist, kniet der vor mir nieder:
„Taufe mich!“ Ich ihn? Wenn einer tauft dann doch er mich!
„Taufe mich!“
wiederholt er.
„Du musst mir den Segen Gottes zusprechen für meinen Auftrag.
Du musst mich taufen, damit ich tun kann, wozu ich in die Welt gekommen bin!“
 
Es war ein erhebender Augenblick.
Mir war als öffne sich der Himmel und Gott spräche:
„Das ist mein Sohn!“
 

 

Seitdem warte ich.

 

Warte darauf, dass die Armut der Menschen zu einem Ende kommt.
Warte darauf, dass Witwen und Waisen ihr Recht bekommen.
Warte darauf dass jeder und jede in Würde leben und sterben kann.
Warte darauf, dass die Gewalt der Mächtigen und Reichen gebrochen wird.
 
... Ich warte darauf, dass der Messias sich endlich als der Messias erweist.
Aber nichts von dem, das ich erwarte, geschieht.
 
 
War doch alles umsonst?
 
Ich habe nach ihm schicken lassen und fragen lassen.
Klüger gemacht hat mich die Antwort nicht.
 
»Geht zu Johannes und berichtet ihm, was ihr hört und seht:
Blinde sehen,
Gelähmte gehen,
Aussätzige werden gesund,
Taube hören,
Tote stehen auf und den Armen wird die Gute Nachricht verkündet.
Freuen darf sich, wer nicht an mir irre wird!«
… Das sollten sie mir sagen.
 
Was glaubt der denn?
Ich sitze im Gefängnis!
Ich kann nichts überprüfen!
Wunderheilungen wurden schon so oft erzählt; und nachher haben sie sich als Schwindel herausgestellt.
Wer sagt mir, dass es diesmal anders ist?
 
Ich kann nichts überprüfen,
- kann nicht mit dem Gelähmten einen Spaziergang machen,
- nicht mir von dem Blinden seine Stadt zeigen lassen,
- mir nicht von dem Tauben den Gesang der Nachtigallen schildern lassen, …
Ich bin im Gefängnis!
Ich habe nichts als das „Hörensagen“!
Von wegen: Freuen darf sich, wer nicht irre wird an mir!
Ich bin kurz davor, irre zu werden!
 
Mein Leben lang habe ich auf den Messias gewartet.
Und jetzt weiß ich nicht, ob ich auf den Verkehrten gewartet habe…


Der Sohn des Höchsten…
Ist er es?
Ist er es nicht?
 
Wenn er es ist, müsste dann nicht alles das eintreten, was ich gepredigt und erwartet habe?
Müsste er dann nicht endlich mit der Axt den schlechten Baum mit den faulen und verdorbenen Früchten umhauen?
 
Freuen darf sich, wer nicht irre wird an ihm…
 
Ob er am Ende anders ist, als ich es erwartet habe.
Ob ich blind bin, weil ich sehen will, was ich mir in meiner Vorstellung ausgemalt habe: Die Axt am Baum, die Katastrophe, die gewaltige Veränderung… Das Strafgericht…

 

 
Freuen darf sich, er nicht irre wird an ihm.
Vielleicht ist das mein erster Schritt dazu: Anerkennen, dass er ganz anders ist, als ich es erwarte.
Vielleicht habe ich mich nicht geirrt.
Vielleicht habe ich ja auf den Richtigen gewartet.
Vielleicht habe ich aber von dem Richtigen das Falsche erwartet.
 
Der Sohn des Höchsten.
Ich habe es damals gewusst und tief in mir weiß ich es auch heute:
Er ist es…
 
Ich muss lernen zu warten, auf das, was er geben will.
 
Ich muss lernen, dem zu vertrauen, der so ganz und gar nicht meinen Erwartungen entspricht...
 
 
 
 
Vertrauen ist ein Wagnis, zu dem sich jeder für sich selbst durchringen muss.
Falls Sie es wissen möchten: man sagt, Johannes habe seine letzten Tage in Frieden und Gelassenheit gelebt.


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